vierdreisechs - Essay zur Fallwerkstatt (Imke Kollmer)

Der vorliegende Text wurde 2020 als Beitrag für eine Festschrift anlässlich des 60. Geburtstags von Andreas Wernet verfasst. Der Text ist, bis auf Kleinstkorrekturen, identisch. Der Titel wurde in der frei zugänglichen Variante angepasst und mit einem Untertitel versehen. Der eigentliche Titel ‚vierdreisechs‘ bezieht sich auf den Raum (436) in dem die Fallwerkstatt seit jeher stattfindet.    

(Auszug)  

Einsamkeit und Freizeit

Ein gelegentlich im Rahmen der Fallwerkstatt geäußerter Gedanke ist, dass die Rekonstruktion von Fällen am heimischen Schreibtisch – und damit alleine – ertragreicher sei, als das gemeinsame Brüten über einem Protokoll. Wer im Studierzimmer – diesem zumeist fiktiven und vollends symbolischen Ort – den Kopf sich zermartere, wird der Sache näher kommen, als im Gerangel um die dritte Nachkommastelle einer eigentlich gar nicht so strittigen Lesart. Nicht nur, ließe sich ohne andere, also alleine, die Fallstruktur viel schärfer konturieren – man wende dafür auch viel weniger Zeit und Energie auf, als ein ausufernder Disput beansprucht. Auch werde der eigene Gedankengang in der Abgeschiedenheit nicht von anderen lautstark geäußerten Gedankengängen kontaminiert.

Man ist zugleich irritiert, fällt die Aussage doch in jener raum-zeitlich gemeinsam sich vollziehenden Arbeit am Text. Dieser Ort, an dem wir gerade beisammen sitzen, denkt sich das Subjekt, soll also nicht zwingend notwendig sein, um ein Vorhaben voranzutreiben? Zur Irritation über die Äußerung gesellt sich rasch eine Prise Panik. Wie um Himmels Willen soll man den Fall alleine jemals knacken können? Denn dass die lautstark geäußerten Gedanken ‚der anderen‘ auch überaus fruchtbar sind, kann kaum bestritten werden. Und handelt es sich nicht sowieso um einen performativen Widerspruch, den Ort des Geschehens als unnötigen, mindestens fraglichen zu entwerfen? Nun, der Novizin fehlt es freilich an praktischer Erfahrung. Da die Fallwerkstatt sich auch als Ort des Kennenlernens der und der Einübung in die Objektive Hermeneutik versteht, mag die Furcht nachvollziehbar und berechtigt sein. Verfügt man der Novizin gegenüber indes über einen umfassenderen Erfahrungsschatz der Interpretation – in Einsamkeit wie in Gemeinschaft – beginnt man sich auszumalen, was man mit der gewonnenen freien Zeit alles anstellen könnte. Vier Stunden. Das sind vier Stunden, in denen man endlich die Texte schreiben könnte, für die einem sonst vier Stunden fehlen. Und erst recht im Sommer: Da kann man sich doch um 16 Uhr eh nicht mehr konzentrieren.

Zunächst sollte man die Äußerung des produktiven Primats der einsamen Interpretation nicht mit der Idee der Auflösung der Fallwerkstatt gleichsetzen. Auch wenn sie nur imaginiert sind: Sowohl Panik, als auch die Freude über ein gefühlt nie dagewesenes Maß an Freizeit erweisen sich als eigentümlich falsche Reaktion auf eine Überlegung, deren Umsetzung so eh nicht einträte. Jenes Denkrefugium erweist sich eben gerade nicht primär aufgrund der Zuweisung einer inhaltlichen und thematischen Kernkompetenz als fundamental für die jeweiligen Rekonstruktionen. Führte man es darauf eng, erwiese die Fallwerkstatt sich nicht zwingend als ultima ratio. [...]

 

 

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